Chennai und Bangalore April 2008

Tuc Tuc Tuc Tucs sind wichtige Verkehrsmittel in Asien
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Chennai, 13. April 2008
Hallo und liebe Grüße aus Chennai. Heute am zweiten Tag in einer absolut anderen Welt, habe ich zwischendurch sehr oft in Gedanken an diesen Bericht geschrieben, nur leider das Meiste (und wahrscheinlich Beste davon) nicht gespeichert.

Also nach 10 Stunden Non-Stop-Flug von Frankfurt auf Colombo in Sri Lanka (ehemals Ceylon –merke auf, endlich mal in den Duty Free Shops gab es Einheimisches ohne Ende: Ceylon Tee) zwischengelandet. Kaum richtig schlafen können, Gangplatz, unzählige quirlige Inder und Sri-Lankesen, dazu als Krönung 3 lautstarke, außerordentlich superangenehme dickbäuchige LKW-Fahrer oder Verpacker aus dem Schwabenland im Vorrausch der ihnen unweigerlich bevorstehenden Abenteuer und Hochgenüsse der besonderen Art, 3 russische Mattkas detailreich aufklärend bis sogar deren Verdruss (und das war erst nach ¾ der Flugzeit) endlich für beleidigte Stille sorgte. Landung Ortszeit nachts 1.00 Uhr, kahle Halle, zum Glück noch einen freien Stuhl erwischt, Einchecken zum Weiterflug 6.00 Uhr, Einsteigen in die Maschine 6.30 Uhr, Abflug nach 1 ½ Stunden Stehen auf dem Rollfeld. 9.50 Uhr Ankunft mit mehr als einer Stunde Verspätung in einer anderen Welt. Gleich beim Aussteigen. Es riecht alles irgendwie nach Diesel (So wie bei meinen Überlandfahrten in Lettland). Das Flughafengebäude relativ gut erhalten, aber auch irgendwie einen Anklang russischer „Eleganz“. Endlose Schlange bei der Kontrolle, noch endloser beim Gepäck, sehr viele angestellte Flughafen- und sonstige Mitarbeiter ohne erkennbare Aufgaben. Dann Heraustreten aus dem Gebäude. Überall unzählige Menschenmassen hinter Absperrgitter auf Ankommende wartend. Heiße stickige Luft draußen, absoluter Diesel- oder Benzingeruch in der Luft. Erwartet von einem brav wartenden Chauffeur in schneeweißer Uniform mit ebensolcher Mütze, der dann meine für ihn viel zu schwere Tasche mehr schleppend als tragend Bahn durch überall umherquirlende Menschenmassen zum Auto schlägt. Stehen gebliebene Zeit. Bürgersteige, Straßenborde, Wege, Straßen? Ich dachte ich laufe über ein ca. 20 Jahre altes aufgegebenes Baugelände.

Dafür aber viele Palmen überall. Und Staub. Erst mal noch. Dann mit dem Auto abenteuerlichste Wege um vom Flughafenparkplatz wegzukommen. Solche Wege gab es auf keinem DDR-Dorf! Wohlgemerkt, dies ist der Internationale Airport der viertgrößten Stadt Indiens mit mehr als 8 Millionen Einwohnern! Dann die Fahrt zum Hotel. Wenn ich in meinen wildesten Zeiten hätte einen Film drehen können über „Wie stelle ich mir das Undenkbare einer Metropole vor“ und alle nur erdenkliche Mittel dafür zur Verfügung, ich wäre nicht mal im Ansatz dem nahe gekommen. Es ist für mich einfach unfassbar und unglaublich. Die Augen sehen es, es läuft ein Film in mir ab, aber begreifen kann ich es nicht. Menschen, Menschen, Menschen. Und Müll, Müll, Müll, Dreck, Bauschutt, Sand, Erde, mittendrin Menschen, Autos, Fahrräder, Motorräder mit 4 Personen, Roller, Fahrradkarren beladen bis zum Himmel, stinkende quäkende 3-Radmotorrikschas mit Dach. Linksverkehr, Verkehrspolizisten, die es immer noch gerade so schaffen, den Folgen ihrer Regelungsversuche mit Hechtsprung zur Seite aus dem Verkehr zu entkommen. Es gibt Verkehrsspuren auf den Straßen, die scheinen aber nur ein zusätzliches Orientierungshilfsmittel zu sein, denn vom Straßenverlauf ist zumeist nicht viel zu erkennen, einmal ist der Übergang Straße zu, ja was eigentlich, Bürgersteig kaum zu erkennen. Und wenn ja, kann man dazu Bürgersteig nur im arg begrenzten hiesigen Sinne sagen. Es ist am ehesten mit einer Ansammlung von verschiedensten Materialien, zumeist auch plattenförmig, zu umschreiben, gepaart mit einem entfernt erkennbaren, ursprünglichen Ansatz eines Bestrebens, Wege für Wesen, die keine Räder unter sich haben, irgendwie an Straßenrändern zu etablieren. Davon ist aber aus vielen Gründen nicht so recht was geworden, bzw. (falls die Briten es damals noch ordentlich hinbekommen haben sollten –immerhin war Chennai ihr Einfallstor für Indien) was übrig geblieben. Hauptgrund ist der, überall, ob vor dem International Airport oder unmittelbar neben dem Prachthotel, zu Hauf liegende Müll und Dreck. Bergeweise und vollkommen ohne Anzeichen, dass jemals davon etwas abgetragen worden ist, liegt er überall. Rinnsteine gibt es vor Dreck, Sand Schutt und den massenweise umherliegenden Plastikresten nicht mehr. Und dann dazwischen die Unzahl an Menschen, zumeist farbenfroh gekleidete Frauen, unzählige Kinder und Autos, Motorräder, Fahrräder …
Gestank, weil entlang der Straßenränder trotzdem an jeder freien Stelle, im Straßendreck, Gestank und Lärm, ein Verkaufsstand neben dem anderen steht. Und wenn da nicht, ist dahinter garantiert so etwas wie ein Laden, bei uns würde man baufällige Plattengarage dazu sagen.

Unmassen an Obst wird feilgeboten. Die Reste, des oftmals gleich Verzehrten, liegen, getreulich über Jahre gesammelt, zumeist unmittelbar daneben. Dazu die Kühe, die scheinbar herrenlos überall umherspazieren. Inzwischen, so scheint es, haben sie die Rolle der Straßenköter eingenommen, von denen es auch reichlich gibt (die aber nicht so elendig aussehen wie z.B. die in Lettland). Da sie inzwischen ihre Nahrung auf Plastikmüll umgestellt zu haben scheinen, hat sich damit wohl auch ihr Stoffwechsel, sehr zur Erleichterung der angespannten Lage, umgestellt, denn ich habe bisher jedenfalls vor Hauptpost, Nobelhotel und auch sonst auf Kreuzungen, die sie zu lieben scheinen, keine nachhaltigen Botschaften von ihnen wahrgenommen. Apropos Botschaften, bei meiner sich inzwischen auf ca. 18 Stunden belaufenden Teilnahme als Fahrgast am rollenden innerstädtischem Wahnsinn (bei bis jetzt 60 Stunden Gesamtaufenthalt), habe ich geduldiges und blindes Vertrauen gelernt, in das, den Chennaier Verkehrsteilnehmern wohl von göttlicher Seite anheim gegebene übersinnliche miteinander Kommunizieren. Und begriffen, dass das (früher ja auch für mich als halbstarker Mopeddriver einmal wichtige) Organ einer Fahrzeughupe, tatsächlich zum menschlichen Organismus gerechnet werden muss! Es ist einfach noch dringender erforderlich als jeder Halsmuskel. Denn bei der, für eine erfolgreiche Teilnahme am Straßenverkehr permanent erforderlichen, blitzschnellen Reaktionsfähigkeit, bleibt nur die Zeit für die Auswertung des ca. 120° umfassenden Blickfeld geradeaus + permanente Reaktion. Die Hupe, nun ja, eigentlich die ständig auf dem Hupenschalter liegende Hand, ersetzt den hier nicht machbaren Blick zur Seite oder gar in den Rückspiegel! Dafür ist hier gar keine Zeit, es hätte schon zehn mal gekracht. Hier weiß so auch der blindeste halblinks achtern aus hinter mir fahrende Henker, Achtung in spätestens 2/10 Sekunden zieht der (wir würden sagen: gnadenlos, nein hier:) geschmeidig, mit reichlichen 10 cm Platz dazwischen, rüber. Und sollte da irgendwo links oder rechts oder in der Mitte die Spur einer Chance bestehen, die Kühlerhaube zwischen riesigem Schrott-LKW seitlich rechts über uns und dieser stinkenden, mit mindestens 6 Personen vollgekrachten Motorrikscha zu kriegen, ist sie auch schon drin! Und ich habe bisher noch nicht einmal wütendes hinterher hupen gehört oder Fluchen gesehen. Nein, das ist Konsens zwischen Kühen, Autos, Fahrrädern usw. Übrigens hat hier jedes Motorrad links hinten für die fast immer seitlich mitfahrenden Frauen spezielle Fußstützen. Linke Hand klammert das Kleinkind auf dem Schoß, zwischen Mutter und Vater die Tochter, vor dem Vater ist noch Platz für zwei weitere. Und dann ab die Schlängelfahrt mit Tempo 80 links und rechts vorbei, falls vorhanden auch auf Pseudogehwege. Dazu die kilometerweit laufenden Fußgänger, zumeist arme Frauen mit vielen Kindern und die Kühe in aller Seelenruhe. Heute Abend (Sonntagabend ca. 20.00 Uhr) an der verstopften jeweils vierspurigen Kreuzung, ca. 30 km vom Stadtzentrum. Zwei Kühe wühlen seelenruhig im Müll auf der Kreuzungsinsel an der Autoscheibe. Die Autos mit direktem Kontakt, an jeder Ecke der Kreuzung jeweils eine Bettlerin mit Kleinkind auf dem Arm und weiteren Kindern, klopfen an den Scheiben und wollen Wattups und grellbunten Federkram verkaufen, überall dazwischen versuchen Fußgänger durch die nicht mehr vorhandenen Lücken auf die andere Straßenseite zu kommen. Einigen Motorradfahrern fällt ein, nicht die paar Minuten bis es weiter geht, warten zu können und fahren in verkehrter Richtung auch noch in das Getümmel. Und zur Krönung fährt bis ca. 21.00 Uhr die Hälfte ohne Licht (Radfahrer und Kühe eh. Es ist z.Z. aber so ab 19.00 Uhr bereits richtig dunkel). Überall spielen Kinder am Rande umher, meistens die ganz kleinen. Und kilometerlang ist ein Verkaufsstand neben dem anderen. Zumeist Obst- und, ich sage mal, Imbissstände, tagsüber mit Heerscharen von Fliegen gesegnet. Entweder ganz direkt an, teilweise direkt auf der Straße, ansonsten in diesen von Sand, Erde, verrotteten Plastiktüten überschütteten „Läden“. Dieses Treiben soll in der Woche bis ca. 22.00 Uhr, an den Wochenende teilweise bis nach 24.00 Uhr gehen.

Bei einer diesen endlosen Autofahrten (übrigens direkt von einem Luxusbaderessort direkt an der Bengalischen Bucht kommend, wo ich sogar im Meer baden konnte!) wurde ich alle paar Kilometer von laut schreienden Muizimen (???) überrascht. Die Moscheen und die zahlreichen verschiedenen christlichen Kirchen lieben die Öffentlichkeit per Lautsprecher sehr, letztere auch noch mit adretten Beleuchtungseffekten. Aber auch da liegt der Müll bis vor der offenen Tür und droht hineingeweht zu werden. Bevor das geschieht, wird dieser aber allenthalben, getrieben von einer nicht erkennbaren Ordnung, mittels kurzem Handreisigbesen woanders hingefegt. Aufkehren bringt nichts. A) gibt es keine Mülltonnen und b) schau mal nach links oder rechts oder vorne oder …
Jetzt habe ich ein wenig von dem Bilde und Geschehen erzählt, was mich fassungslos gemacht hat. Nicht, dass ich endlos erschüttert und zu Tode betrübt bin, das geht hier gar nicht. Der Lebensstrom ist so gewaltig stark und unabänderlich, wie die, eigentlich überhaupt nicht stark aussehende, Strömung heute im Meer. Dort hat diese mich im Wasser hin geworfen, wo sie wollte, sanft aber unabänderlich stark.

Und die Menschen gehen durch dieses Leben, diesen Dreck, sitzen überall im Staub, direkt an den Straßen, keine Ecke in dieser Riesenstadt, wo nicht auch noch im Dunkeln sich ein Mann irgendwo auf den Boden zum Schlafen gelegt hat.

Zu den Häusern usw. schreibe ich nichts mehr. Es gibt überall , auch in den dreckigsten Gegenden mittendrin supermoderne kleine und auch Riesenbauten. Habe schon einige besichtigt, morgen sehe ich zwei Wahnsinns- IT-Komplexe, in dem einen Gebäude arbeiten 4000 Programmierer.

Die Menschen sind sehr normal. Es gibt so viel verschiedene Herkünfte, die wirklich vollkommen verschieden aussehen. (z.B. war im Flugzeug ein Abbild eines griechischen Helden, das Gesicht und die Statur einer klassisch griechischen Statue aus Marmor, aber rabenschwarz, total allertiefstes schwarz, dazu ein Blick aus strahlend hellen Augen.)

Selbstbewusstsein, eher Dasein im Moment, wohl aus dem tiefsten Gründen ihres mehrere tausend Jahre Daseins und der allgegenwärtigen Spiritualität. Und das bei der unübersehbaren (aber für mich nicht erkennbaren oder fest zu machenden) irgendwie als normal getragenen Hierarchie der sozialen Ordnung. Ich habe den Menschen in die Augen geschaut. Ich sehe kein Aufbegehren, keine Wut, auch (bisher) keine Verzweiflung, auch bei der abgewiesenen Bettlerin nicht. Und ich habe in der kurzen Zeit mehr Menschen gesehen, als ich sonst in 4 Wochen Berlin zu sehen bekäme.

Vielleicht liegt es daran, dass dieses Südindien, weder durch die Türken noch die Engländer wirklich beherrscht wurde. Hier leben die Tamilen, angeblich das am ursprünglichsten gebliebene Volk Indiens. Hier hat die ayurvedische Lebensweise ihren Ursprung und lebt ganz stark, z.B. in der Esskultur der Tamilen (und anderen Südinder), d.h. z.B. kein Fleisch. (Ansonsten ist die Esskultur so, dass langsam die besser gestellten Inder auch anfangen mit vorerst zumeist Gabel und wenn es gar zu unschicklich in europäischer Gesellschaft ist, auch mit Hilfe des Messers, gar zu große Brocken auf dem Teller vorab zu teilen. In den Mund stecken können es die Finger aber noch am besten. Ich habe gestern mit dem Chefkoch dieses Nobeledelressorts speisen dürfen. Linker Ellenbogen weit auf dem Tisch, mit der Gabel schaufelnd und Geräusche nicht ganz so, wie ich sie bisher nur von Chinesen hörte. Und doch wirkt es nicht unkultiviert, plump oder brutal. Es hat hier eben alles diesen irgendwie, zwar nicht direkt sichtbaren, aber ganz stark wirkenden Zug des so Seienden. Seltsam. Sonst wäre es hier nicht auszuhalten. Diese Ungerechtigkeit in den vorgezeichneten Lebenswegen.

Da es eigentlich keine wirklich reiche Menschen im Stadtbild zu sehen (erkennen?) gibt, ist der Kontrast zwischen arm und reich nicht so drängend. Auch den hier im Nobelhotel hausierenden Inder (ich habe bisher verhältnismäßig wenig Europäer und Amerikaner gesehen und alle meine Gesprächspartner wussten z.B. nichts von mal Ost- und Westdeutschland) sieht man nicht an, wie arm oder reich sie sind. Die Stoffe (der bei allen Frauen bunten Kleider) sind besser und es ist anderer Schmuck, aber sonst.

Ich hatte noch keine Gelegenheit mir den wohl etwas geordneteren Teil der Stadt anzusehen.

Chennai hat kein richtiges Zentrum, die Stadt ist eine unendliche Ansammlung von ehemaligen umliegenden Ansiedlungen. Es gibt keine raumordnerischen Vorgaben, es wächst wild. Slums, anders kann man zu den vielen z.T. mit Bananen- und Palmenblättern bedachten Elendsbauten nicht sagen. Und so viele Menschen darin. Und alle in Bewegung. Nur in der Mittagshitze saßen sie im staubigen Schatten der vielen Palmen im Dreck. 30° am Tag z.Z., abends schwül warm ca. 25°. Das Meer übrigens 26°C.

Ja, soweit mein von der Seele geschriebener äußerer Bericht. Ich habe mir jetzt mehrfach bei meinen kurzen Wegen zu Fuß hier gedacht, wenn Leah, oder wir alle im Kindesalter, diese unmittelbare, nicht verdrängbare Realität sehen und erleben könnten, sie/wir bräuchten keinen Sozialkundeunterricht mehr.

Das Schwimmen gehen in dieser obersalzigen warmen, sanften Meeresgewalt war ein gutes Erlebnis. Dabei hatte ich, nicht weit von meiner Badestelle, einen uralten, riesigen, indischen Tempel im Blickfeld und die untergehende Sonne hinter Palmen am wunderbaren (nicht ganz so hellen) Sandstrand. Seltsam.

Übrigens geht man hier eigentlich nur im Pool baden. Pft! Hab ich hinterher gemacht.

Chennai, Dienstag, 15.04.2008

Jetzt konnte ich gerade von der Dachterrasse meines Residency Tower Hotels auf diese quirlige Stadt schauen. Als spezial guest des Hauses durfte ich an einer abendlichen Cocktailparty teilnehmen. Da wir noch bis 20.30 Uhr Besprechungen hatten, kam ich erst sehr spät dazu. Dafür war es schon ganz dunkel und die Stadtlichter rings umher, beleuchteten jetzt eine gleichmäßig verteilte und mit sehr vielen Bäumen, fast alles Palmen, durchwachsene Stadt. Auf den einsehbaren Straßen aufgefädelte Lichterketten ohne Lücken und das allgegenwärtige Hupen würde bestimmt schon fehlen.

Ein in Indien lebender, in Portugal aufgewachsener und gut deutsch sprechender Kairoer (deutsch hat er in der Schule gelernt und hätte es angeblich in der ganzen Welt gut gebrauchen können) hat mich sofort mit einem Portugiesen und einer Frau und einem Mann aus Rumänien bekannt gemacht, so dass ich mein Englisch auch im privaten gut üben konnte, denn wir haben uns lange und intensiv unterhalten.

Heute habe ich die Begeisterung für den Ruf der deutschen Wertarbeit, Qualität, Zuverlässigkeit etc. mehrfach erleben dürfen. Gestern auch, wie hatten ein Gespräch mit dem reichsten Mann aus Südindien, der zu einer Besprechung extra kam. Ein Mann, dem ich seine fast 90 Jahre überhaupt nicht angesehen habe. Der hat in meinem Geburtsjahr in Deutschland studiert. An ihm habe ich ganz exemplarisch erleben können, dass der Antrieb für bestimmte Menschen etwas Bleibendes auf die Beine zu stellen oder ein Ziel zu verfolgen, eigentlich überall gleich ist. Es war beeindruckend, diesen leicht spöttischen dabei aber so geläuterten und liebevollen Mann zu erleben. Die Stellung und der Einfluss dieses Mannes war äußerlich durch nichts wirklich zu erkennen.

Heute hatte ich mit einem Leiter eines großen Planungsbüros zu tun, ebenfalls ein Herr im weit fortgeschrittenen Alter, der als Kind in seinem Elternhaus ständig Umgang mit Deutschen hatte und deutsch gut verstehen, aber nicht sprechen konnte. (Übrigens ist das Büro ein indischer Ableger eines deutschen Büros.)
Auch fällt mir auf, es scheint hier in diesem Teil der Welt eines nicht zu geben. Eleganz, wie wir sie aus Westeuropa kennen. Es gibt hier Würde, auch sich zur Schau stellen, aber Eleganz geht irgendwie nicht.

Es ist auf dem ersten Blick gar nicht zu ermessen, was diese kulturelle und soziale Vielfalt bedeutet. Jede der vielen Kulturen hat in sich und untereinander eine Hierarchie mit festen Ordnungen und Spielregeln. Und die Ethnien haben in jeder Region auch wieder zu- und miteinander verschiedene Einstufungen. Und trotzdem scheint alles trotzdem mit so etwas wie Achtung einherzugehen. (In diesem Hotelrestaurant werden für 10 verschiedene „Inkarnationen“ Essen angeboten.) Nur als Verkehrsteilnehmer scheint der neuzeitliche Bewegungsdrang absolut gleichmachend als Vorbote einer großen Gemeinschaft von Aufrechten der Zukunft gewirkt zu haben.

Ich habe heute den angeblich zweitältesten Baum der Welt gesehen. In einem sehr großen Park, der der Theosophischen Gesellschaft gehört, die in Chennai ihren weltweiten Hauptsitz hat. Ich hatte aber nur zwischen zwei Terminen wenig Zeit und überhaupt Glück, dass dies in der Nähe war.

Der Park ist riesig, staubig, trocken und unüberschaubar, so konnte ich das Hauptgebäude nur von Ferne sehen. Zutritt war eh dorthin nicht erwünscht. Ansonsten habe ich so was skurriles von Baum noch nicht gesehen. Der eigentliche Stammbaum ist ein total morscher Rest, ungefähr 6 Meter hoch, der gebogene Stamm vielleicht 30 cm Durchmesser, umgeben von im Kreis stehenden, lauter gerade aus dem Boden emporgewachsen dünnen Stämmen. Sieht wie ein Rondell aus Lianen aus.

Inzwischen kommen mir die Menschen nicht mehr so fremd vor. Auch funktioniert mein Sensorium für Verhandlungs- und Kommunikationsfragen wieder.

Übrigens habe ich mir heute das Vergnügen einer Motorrikscha-Fahrt gegönnt. Spannende Sitzposition. Außerdem konnte ich gut darüber nachdenken, wie dort, wo ich, zugegebenermaßen, genügend Platz hatte (komfortabel will ich mal nicht sagen, ist doch eher, wie auf einem, auf Erdbodenhöhe verlegter Kutschbock) die ganze Familie, nebst reichlich Säcken Platz finden kann.

Wieder spannend, wie die Teilnehmer des permanenten interaktiven Bewegungsspektakels mit einer traumwandlerischen Sicherheit, auf maximal 5cm genau, jedweder Kollision auch dann noch aus dem Wege gehen können, wenn „es“ nach meinem physischen Ermessen schon längst geschehen ist. Und wirklich absolut ohne Vorwurf, Groll, böse Blicke. Meine Fahrt durch endlose Knäuel von „Straßen“ war gut 6 km lang, so dass ich mindestens dreitausend Motorradfahrern und teilweise die, mir ihre Knie ins Abteil steckenden Sozia, ganz nah in die Augen blicken konnte.

Morgen geht es aber schon weiter nach Bangalore.

Bangalore, Dienstag, 15.04.2008

Heute in Bangalore angekommen und gleich ins Vergnügen. Wäre ich zuerst hier gelandet, ich hätte bestimmt die gleichen Empfindungen gehabt. Flughafen irgendwie russisch, wieder dieser aparte, alles sanft einhüllende Dieselgeruch, dazu 29 °C im Schatten, nur ist die Luft hier nicht so feucht. Zahllose Menschenmassen vor dem Flughafen, alle mit Schildern zum Abholen versehen. Dann abenteuerliche Wege zum Parkplatz. ( Dort immer noch diese tollen alten Tata-Wagen im Stil 50er Jahre als Taxen und Behördenfahrzeuge.) Jetzt, mit meiner Erfahrung Chennai, muss ich sagen, Bangalore ist eine saubere Stadt. Die Bürgersteige sind deutlich erkennbar, wenn auch im Wesentlichen, selbst für die abgehärtesten Ostler, unbenutzbar, deswegen laufen auch selbst die Kühe (hier deutlich weniger) auf der Straße.

Bangalore gilt als indisches Silicon Valley, so genannte IT-Komplexe ungeahnten Ausmaßes in modernster Architektur gewandet, stehen mitten in der alten Welt. Es gibt hier bedeutend mehr „ordentliche“ Häuser, obwohl die meisten irgendwie aussähen, als hätten Flammen aus den Fensterhöhlungen geschlagen. Die Stadt hat ein milderes, trockeneres Klima als das ca. 350 km weiter östlich am Meer gelegene Chennai. (Die pensionierten britischen Kolonialbeamten haben sich gerne in Chennai niedergelassen. Deshalb noch sehr viele alte, tolle Anwesen. Kommentar meines Reisebegleiters: We love the british culture, but we hated Britain People.) Bangalore ist mit seinen 6,2 Millionen Einwohnern die sechstgrößte Stadt Indiens. Sie gilt auf Grund des vielen „IT-Geldes“ (es werden hier deutlich höhere Gehälter gezahlt) als eine reiche Stadt. Es ist aber auch deutlicher der davon ausgehende Einfluss zu bemerken. Die Menschen sind hektischer. Es schnallen sich sogar manche Autofahrer an! Die in den Chennaier Motor-Rikschas grundsätzlich nach innen gedrehten Rückspiegel, sind hier nach außen angebracht und könnten ein Blick nach hinten theoretisch möglich sein lassen. Gleich ist das Fahren ohne Licht lange noch im Dunkeln, auch hier haben viele Fahrer ihre Rückspiegel immer zurückgeklappt. Anders: Viel mehr Polizisten versuchen an Kreuzungen in Gemeinschaftsarbeit lauter zu pfeifen, als die anderen hupen. Ich konnte nicht feststellen für wen und warum sie ständig pfeifen. Es gibt hier noch viele solche erhöhten Verkehrskreuzungsregelungsposten. Da stehen sie aber meistens und unterhalten sich.

Ich habe heute ein Abenteuer unternommen. Das musste ich mir hart erkämpfen. Ich wollte zu Fuß vom Hotel zu einem Art Stadtzentrum laufen. Nach meiner Schätzung ca. 4 km. Meine Frageversuche nach Richtung, Straße usw. zeigten mir, dass kein Vorstellungsvermögen für so ein, nach Ansicht von Hotelangestellten für Westeuropäer wohl nicht denkbaren Vorhabens, vorhanden ist. Mit Mühe musste ich erst den Empfangsdirektor, dann die Rezeptions Directing Managerin, den Traffic Manager und zum Schluss den Türöffner (in diesem Hotel nur in Livree, ganz ohne sonst üblichen mindestens 40 cm hohen Zylinder) fast unhöflich abweisen, mich nicht doch in ein Taxi zu bugsieren.

Spannend, alle Straßen voll, wirklich voll, d.h. man kommt nicht zwischen den Fahrzeugen durch. Die Hälfte des Verkehrs, Motorrikschas mit stinkenden Zweitaktmotoren. Eine Wahnsinnsluft.

Eigentlich keine Luft mehr, ein stickend warmes Gebräu. Deutlich hektischer hier alles, auch viel direkter, weniger Rücksicht. Und, es gibt hier Frauen, die mir in die Augen geschaut haben. Ist mir in Chennai nicht ein einziges Mal passiert. Dafür nach zwei Stunden intensiver Luftkur wieder mit einer knatternden, stinkenden Motor-Rikscha in enger Nachbarschaft zurückgeschleudert. Was aber hier, wie in Chennai, funktioniert hat: mit einer selbstsicheren klaren Aura als Rundumsicherheitsabstandspaket, kann man mit einer Handgeste den Verkehr um sich herum öffnen und hindurcheilen, dann ist die Lücke sofort wieder zu.

So, morgen noch ein straffer Tag und dann wieder zurück in unsere geordnete, steife Welt.

Autor:
Heinfried Gleisner
Gabelsbergerstrasse 3
07749 Jena

Foto: Markus Lenk

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